Der Fußball und die immense Bedeutung der Sportart für Brasilien

Ganze fünf Mal konnte Brasilien sich bereits den Fußball-Weltmeistertitel sichern. Doch die Bedeutung des Fußballs für das Land geht weit über Prestige dieser Art hinaus. Denn der Sport ist eng mit der brasilianischen Gesellschaft verbunden.
Fußball Brasilien
Fußball ist für Brasilien mehr als nur ein Spiel. Der Sport ist ein Zeichen für soziale und politische Kämpfe der Unterschicht gegen die frühere rassistische Elite des Landes. ( unsplash.com © Souza Sergio )

Wie der Fußball nach Brasilien kam

Im Jahr 1894 kam der Fußball durch den von Engländern abstammenden Brasilianer Charles Miller nach São Paulo. Im Jahr 1888 erst war die Sklaverei in Brasilien abgeschafft worden und die Gesellschaft war noch immer elitär und rassistisch. So blieb auch der Fußball anfangs etwas für die obere, weiße, gebildete Schicht exklusives. Fußball gespielt wurde in den ersten Jahren nur in den Clubs der höchsten und herrschenden Kreise – zumindest offiziell.

Doch auch den ärmeren Leuten, die von den Spielen mit dem Ball und den zwei Mannschaften und den Toren etwas mitbekamen, gefiel der Fußball. Denn schließlich ließ sich das Prinzip kostengünstig nachahmen. Außerdem war das Spiel einfach zu verstehen und fast überall auszuüben. Das Wichtigste aber: Es brachte eine Menge Spaß.

Die Meinung, dass der Fußball eine der demokratischsten Sportarten der Welt ist, hat sich übrigens bis heute gehalten. Es braucht keine wahnsinnig ausgebildeten Muskeln, keine besondere Größe oder sonstige körperliche Beschaffenheit, um Fußball spielen zu können. Egal, wie alt jemand ist oder wie er gebaut ist, welches Geschlecht er hat, wie viel Geld er hat oder wo er herkommt – Fußball kann fast jeder spielen.

Die soziologische Bedeutung des Fußballs für das Land

Weil also wirklich jeder Fußball spielen konnte, teilte sich der Sport in zwei Realitäten: In den Clubs der Reichen in den Großstädten fand er in elitärer Weise, »„hinter den Mauern«, verschlossen vor den Augen der Armen statt. Diese jedoch trauerten der Sache nicht hinterher. Unter ihnen wurde der Fußball zu einer körperlichen, wie politischen Bewegung der Straße.

Zum einen rannten die Benachteiligten dem Ball aus Vergnügen und Lust auf Aktivität hinterher, wie sie auch einem »Teller mit Essen« hinterherrannten. So jedenfalls umschrieb es Fausto dos Santos eine der ersten, großen brasilianischen Fußballlegenden. Er sollte später zu einem Symbol werden für die grausame Zeit, die Schwarze sowie ärmere Weiße damals in Brasilien erlebten und die sich ebenfalls im Fußball widerspiegelte. Doch genau diese Menschen eroberten sich den Sport eben auch und machten ihn zu etwas politischem: Sie schufen einen Raum, in dem sie gesellschaftliche Bestätigung fanden, sich zusammenschließen konnten und ein kollektives Ritual praktizierten.

Brasilien Straßenfußball
Noch heute spielt man Fußball auf den Straßen São Paulos. Doch früher waren die ärmeren Schichten dazu sogar gezwungen. ( stock.adobe.com © Daniel Lima )

So begann die Geschichte des Fußballs in Brasilien auch zu einer Geschichte der sozialen Kämpfe des Landes zu werden. Möchte man sich diese vergegenwärtigen und etappenweise betrachten, kann man sich etwa an der langsamen Eroberung des Sports durch die unteren Schichten entlanghangeln. Denn erst in den 1910ern und 1920er Jahren begannen die wahren Kämpfe und Konflikte der Elite und der Unterschicht um den und im Fußball.

Die Spiele als Ereignis und der Ausschluss der Unterschicht

Während die Armen auf den Straßen barfuß mit selbstgebauten Bällen aus Stoff langsam zu immer besseren Spielern wurde, versuchte die Oberschicht ihren Elitecharakter mit verschiedensten Regeln »rein« zu halten. So wurden im offiziellen Fußball etwa nur Amateure erlaubt, was alle Straßenfußballer fast automatisch ausschloss.

Auch am gesellschaftlichen Ereignis der Spiele konnten nur die Reichen in voller Gänze teilhaben. Der Club Fluminense baute 1917 das Estádio das Laranjeiras, das erste pompöse Fußballstadion des Landes. Es wurden Spiele veranstaltet, bei denen die Damen die neueste Mode aus Paris trugen und die Männer ihr Geld auf die Mannschaften wetteten. In einem Clubhaus samt Ballsaal konnten Mitglieder bei Champagner und Tanz außerdem nebenbei ihre Verbindungen pflegen.

Für uns ist es heute ganz normal, dass jeder in Brasilien das Stadion besuchen und auf den Rängen die Spiele bestaunen kann. Und auf die Spiele und Spieler lässt sich mittels diverser Anbieter sogar ortsunabhängig und flexibel setzen – dabei ist es heute eben vollkommen egal, aus welcher Schicht man kommt und wie man aussieht. Damals hingegen war es nicht nur ausgeschlossen, als Unterschichtler in die Kreise der Elite zu kommen, man bekam nicht einmal Zutritt ins Stadion. Die Armen saßen vielmehr auf den Dächern rund ums Stadion, um von außen zumindest teilweise etwas vom Geschehen mitbekommen zu können.

Doch lange sollte dieser Ausschluss nicht halten. Denn die Urbanisierung und eine Einwanderungswelle brachten außerhalb der Stadien langsam die bestehenden Machtstrukturen ins Wanken. So begann nach und nach die Unterwanderung der snobistischen Amateurspieler, durch fähige Fußballer aus den ärmeren Schichten.

Die langsame Unterwanderung der snobistischen Amateure

Zunächst waren es einige wenige Mischlingskinder mit weißen Vätern aus der Oberschicht, die sich auf den offiziellen brasilianischen Fußballplätzen durchsetzen konnten. Doch auch sie hatten noch mit rassistischen Anfeindungen zu kämpfen. Hin und wieder versuchten sie sogar, ihre Hautfarbe mit Reispuder aufzuhellen, um ihre Herkunft zu verbergen. Selbst, dass Arthur Friedenreich, Sohn eines Deutschbrasilianers und einer Afrobrasilianerin, das 1:0 im Finale der Südamerikameisterschaft 1919 in Rio de Janeiro schoss, verhinderte weiterhin das Bestehen der Rassenschranken nicht wirklich.

Brasilien Fußball Strand
Als die portugiesischen Einwanderer kamen, konnte sich der Fußball Brasiliens endlich entfalten. ( stock.adobe.com © lazyllama )

Diese hoben sich erst gegen Ende der 1920er Jahre langsam, als die portugiesischen Einwanderer, die irgendwo zwischen der britischen Oberschicht und der farbigen Unterschicht standen, ins Land kamen. Denn sie ließen in ihren Fußballclub Vasco da Gama in Rio auch schwarze Fußballer spielen. Ältere, weiße und elitäre Clubs traten aus der Liga aus, doch Vasco zog inzwischen schon mehr Zuschauer an. Mit der Zeit hatte sich der Fußball aus dem elitären Ereignis, das von den Rängen der Reichen aus bestaunt wurde, zu einem Zeitvertreib entwickelt, der auch den niederen Mittelstand bediente.

Vasco unterlief alle Versuche der Oberschichtenclubs, Schwarze aus der Liga auszuschließen. 1927 eröffnete Vasco dann auch sein eigenes Stadion, das Estadio São Januário mit 50.000 Plätzen. Hier durfte jeder Platz nehmen und die elitäre Fußballwelt musste abdanken. Fast gleichzeitig tat es dieser die erste Republik gleich, die vornehmlich die Bedürfnisse der Oberschicht erfüllt hatte. Denn 1930 kann sich Getúlio Vargas an die Macht putschen und den Aufbau des Sozialstaates beginnen.

Der landeseigene Fußballstil Brasiliens

Statt sich an Europa zu orientieren, wie es die alte, weiße Elite noch tat, begann Brasilien schon bald nach dem zu suchen, was ihr Land im Kern ausmachte. Nach dem, was eigentlich wirklich »brasilianisch« war. Die bunt durchmischten Menschen unterschiedlicher Hautfarbe und Herkunft, unterschiedlicher Schichten und Abstammungen – genau das war nicht das Problem, sondern sogar eigentlich die Stärke des Landes. Aus dieser Theorie heraus konnte eine neue Nationalidentität entstehen, in der auch die jahrzehntelang verachteten Schwarzen plötzlich zu Trägern positiver Eigenschaften des Landes ernannt wurden.

Im Fußball drückte sich dieser neue Stolz auf das bunte Land und den erfolgreichen Kampf gegen die Eliten durch einen Stolz auf den landeseigenen Stil aus. In ihm fand sich, ganz automatisch, auch der »Integrationskampf« wieder. Der Kulturwissenschaftler Frank Stephan Kohl schreibt dazu in seinem Text »‘Brasil. O país do futebol‘ Brasilien. Die Fußballnation«:

»Die Entwicklung von Finten, Tricks und Drehungen, die Anwendung von Dribblings und Übersteigern sind demnach erfolgreiche Vermeidungsstrategien der direkten körperlichen Auseinandersetzung gewesen und haben sich als erfolgreiche Techniken zur Behauptung im Fußball herausgestellt.
Trotz der problematischen – historisch bedingten – Charakterisierungen von kollektiven nationalen Charaktereigenschaften stehen der Erfolg des Fußballs als Sozialschichten übergreifender Sport und fester Bestandteil der Alltagskultur in Brasilien und dessen rasanter Aufstieg zu einem alle Bevölkerungsschichten einbeziehenden Massensports außer Frage.«

Fußball in Brasilien heute

Oft wird vergessen, wie wichtig der Fußball für Brasilien schon vor den 1950er Jahren war. Gerade die soziologische Bedeutung für das Land ist zwar noch vielen in Brasilien lebenden und von brasilianischen Vorfahren abstammenden Menschen bewusst. In Europa dagegen konzentriert man sich hauptsächlich auf die »große Ära« des brasilianischen Fußballs. Viel wichtiger aber dürften sogar all die Jahre zuvor gewesen sein – gerade hinsichtlich der politischen und sozialen Entwicklungen.

Brasilien Flagge
Ganze fünf Weltmeistertitel konnte sich die brasilianische Nationalmannschaft bis heute sichern. ( unsplash.com © Rafaela Biazi )

Dennoch darf dieser letzte Abschnitt der brasilianischen Fußballgeschichte natürlich nicht fehlen. Denn das Jahr 1958 besiegelte spätestens, dass Brasilien eine Fußballnation auf Weltniveau geworden war. Zur Weltmeisterschaft in Schweden reiste Brasilien mit einem echten Aufgebot zukünftiger Fußballstars an: Nicht nur Didi, Vava und Garrincha, die sich bereits durch ihre Künste auf dem Platz einen Namen gemacht hatten, auch ein eher unscheinbarer Junge wurde von Trainer Vicente Feola aufgestellt. Sein Name lautete Edson Arantes do Nascimento – und er nannte sich selbst Pelé. Pelé wurde der jüngste Weltmeister aller Zeiten und begann mit der WM seinen Aufstieg zum bis dato wahrscheinlich größten und bekanntesten Fußballer aller Zeiten.

1962 konnte die brasilianische Fußball-Nationalmannschaft ihren Titel in Chile verteidigen. Ein zweiter Pokal kam nach Hause in das Land, das so lange darum kämpfte, freien Fußball spielen zu dürfen. Der Höhepunkt von Pelés Karriere war schließlich die Endrunde im Jahr 1970 in Mexiko. Ganze fünf Toren schoss der damals bereits 29-Jährige und führte seine Mannschaft damit zum dritten Titel. Im darauffolgenden Jahr trat er von der internationalen Bühne zurück und machte Platz für alle, die ihm nachfolgen wollten.

Das waren etwa Romario, Bebeto und Dunga, die im Jahr 1994 im Final-Elfmeterschießen gegen Italien den vierten Weltmeistertitel holten. Mit der WM 2002 gewannen schließlich Ronaldo (Luís Nazário de Lima) und sein Team die fünfte und bisher letzte Weltmeisterschaft für Brasilien. Man darf gespannt sein, ob und wann Brasilien sich erneut als die stärkste Fußballnation der Welt behaupten wird.

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