Seleção – die brasilianische Fußball-Nationalmannschaft

Der fünfmalige Weltmeister Brasilien gehört zu den besten Fußballmannschaften der Welt. Die Seleção dominierte über viele Jahre den Fußball, doch zuletzt blieben die ganz großen Erfolge aus. Die WM 2014 im eigenen Land endete sogar in einer nationalen Tragödie – und auch danach wartete das Land vergeblich auf den ersehnten sechsten Titel. Bei der WM 2026 soll nun der Italiener Carlo Ancelotti die Trendwende schaffen.
Nationalmannschaft Brasilien
Die Seleção beim Confed-Cup 2013 ( Danilo Borges/Portal da Copa (CC BY 3.0 BR) )

Rekordweltmeister Brasilien

Spiele der brasilianischen Fußball-Nationalmannschaft sind ein weltweites Ereignis. Lange Zeit galten die Kicker vom Zuckerhut als die besten der Welt. Vor allem die feine Technik der Seleção ließ jedes Fan-Herz höherschlagen. Und so wurde nicht nur Titel um Titel eingespielt, sondern dabei auch noch der schönste Fußball gezeigt.

Doch das scheint in einer längst vergangenen Epoche zu liegen. Es waren vor allem die Spanier, die in den vergangenen Jahren dem Weltfußball ihren Stempel aufdrückten. Sogar die einst technisch eher mittelmäßig begabte deutsche Auswahl bot streckenweise besseren Fußball als die Brasilianer.

Was sich im Halbfinale gegen Deutschland bei der Fußball-Weltmeisterschaft 2014 im eigenen Land abspielte, wird sich ins Gedächtnis ganzer Generationen einbrennen. Das 1:7 markierte den absoluten Tiefpunkt des brasilianischen Fußballs und wird nur schwer zu reparieren sein. Doch beginnen wir der Reihe nach.

Brasilien als Rekordweltmeister – die wichtigsten Fakten

Bevor wir tief in die Geschichte eintauchen: Hier die wichtigsten Eckdaten auf einen Blick – für alle, die schnell nachschlagen wollen.

Wie oft wurde Brasilien Weltmeister? Brasilien ist mit fünf WM-Titeln Rekordweltmeister – kein anderes Land hat öfter gewonnen. Deshalb prangen fünf Sterne über dem Wappen. Die fünf Triumphe gelangen 1958 in Schweden (5:2 gegen Schweden), 1962 in Chile (3:1 gegen die Tschechoslowakei), 1970 in Mexiko (4:1 gegen Italien), 1994 in den USA (0:0 nach Elfmeterschießen gegen Italien) und 2002 in Japan und Südkorea (2:0 gegen Deutschland). Der Titel von 2002 ist bis heute der bislang letzte geblieben.

Warum hat Brasilien fünf Sterne auf dem Trikot? Jeder Stern steht für einen WM-Titel. Da Brasilien fünfmal gewann, sind es fünf Sterne – mehr als bei jeder anderen Nation.

Was bedeutet »Seleção«? Das Wort ist portugiesisch und heißt schlicht »Auswahl«, abgeleitet von Seleção Brasileira, der »brasilianischen Auswahl«. Weitere gängige Spitznamen sind Canarinho (»kleiner Kanarienvogel«, wegen der gelben Trikots) und Verde-Amarela (»die Grün-Gelbe«).

Die ersten Erfolge der Seleção

Das erste offizielle Länderspiel Brasiliens fand am 20. September 1914 in Buenos Aires gegen Argentinien statt. Die 0:3-Niederlage sollte die erste von vielen Schlachten gegen den Erzrivalen sein. Damals trat die Seleção noch in blütenweißen Trikots an. Erst nach der bitteren Niederlage bei der Heim-WM 1950 gegen Uruguay wurden diese durch die heute berühmten gelben Hemden und blauen Hosen ersetzt.

Den ersten großen Titel holte Brasilien bei der Südamerikameisterschaft (Copa América) 1919 im eigenen Land. 1922 konnte das Kunststück wiederholt werden, doch es blieb über viele Jahre der letzte große Erfolg.

In den 1920er-Jahren wurde die Entwicklung des brasilianischen Fußballs durch Rassismus und eine ungesunde Rivalität zwischen den Fußballverbänden der Bundesstaaten Rio de Janeiro und São Paulo gebremst. Bei der WM 1930 in Uruguay nahmen nur Spieler aus Rio teil, und Brasilien schied schon nach der Vorrunde aus.

1934 verlor man in Italien im Achtelfinale gegen den Gastgeber. Der erste Achtungserfolg gelang 1938 bei der WM in Frankreich: Nach Siegen gegen Polen und die Tschechoslowakei verlor die Seleção erst im Halbfinale gegen Italien. Das Spiel um Platz drei gewann Brasilien mit 4:2 gegen Schweden. Leônidas wurde mit sieben Treffern bester Torschütze und zum ersten Weltstar aus Brasilien.

Der Schock von Maracanã

1950 war dann alles angerichtet für den ersten WM-Titel der Brasilianer. Als haushoher Favorit startete man ins Turnier, nur die Engländer schienen ernsthafte Konkurrenten zu sein. Gespielt wurde übrigens in sechs Städten (Rio de Janeiro, São Paulo, Recife, Curitiba, Porto Alegre und Belo Horizonte).

Die Seleção trat in allen Spielen im nagelneuen, aber noch nicht ganz fertiggestellten Maracanã-Stadion an. Über 200.000 Zuschauer sollten Zeuge der wohl bis heute schmerzlichsten Niederlage der brasilianischen Fußball-Nationalmannschaft werden.

Die Vorrunde überstand Brasilien mit zwei Siegen und einem Unentschieden problemlos. Da es bei diesem Turnier keine K.-o.-Runde gab, ging es mit einer Finalrunde aus Brasilien, Spanien, Uruguay und Schweden weiter. Nach überzeugenden Siegen gegen Schweden (7:1) und Spanien (6:1) schien der WM-Titel nur noch Formsache.

Am 16. Juli 1950 kam es in Rio de Janeiro zum großen Showdown mit Uruguay. Schon ein Remis hätte den Gastgebern gereicht, doch es folgte der Maracanaço, der »Schock von Maracanã«. Trotz 1:0-Führung verlor Brasilien das Spiel mit 1:2 und wurde nur Vizeweltmeister. Das ganze Land stand unter Schock. Es sollte für zwei Jahre das letzte Spiel sein – und das allerletzte in den seitdem verbannten weißen Trikots.

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Der erste WM-Titel und die Ära Pelé

Nachdem 1954 bei der WM in der Schweiz bereits im Viertelfinale gegen Ungarn Schluss war, betrat bei der Fußball-Weltmeisterschaft 1958 in Schweden ein damals 17-Jähriger die große Bühne des internationalen Fußballs und führte die Seleção mit sechs Toren zum lang ersehnten Weltmeistertitel. Im Finale besiegte Brasilien Gastgeber Schweden mit 5:2. Pelé schoss zwei Tore und wurde damit endgültig zum großen Star dieser Weltmeisterschaft.

1962 in Chile konnte Brasilien seinen Titel erfolgreich verteidigen. Alle Augen waren auf Pelé gerichtet, doch dieser verletzte sich bereits im zweiten Spiel gegen die Tschechoslowakei und fiel für den Rest des Turniers aus. So rückten andere Spieler in den Fokus, allen voran Garrincha, der gemeinsam mit einigen anderen Torschützenkönig wurde. Seit damals konnte kein Land mehr seinen WM-Titel verteidigen.

Vier Jahre später fand die Weltmeisterschaft in England, dem »Mutterland des Fußballs«, statt. Die Seleção galt erneut als Mitfavorit, schied aber nach zwei Niederlagen in der Vorrunde (jeweils 1:3 gegen Ungarn und Portugal) bereits sehr früh aus. Vor dem Turnier hatte es in Brasilien viele interne Streitigkeiten darüber gegeben, welche Spieler überhaupt für die WM-Endrunde nominiert werden sollten.

Das nächste WM-Turnier wurde dann der letzte große Auftritt von Pelé. In Mexiko 1970 holten sich die Brasilianer ihren dritten Titel und wurden zum damaligen Rekordweltmeister. Pelé schoss vier Tore, unter anderem das 1:0 im Finale gegen Italien. Es war wohl das beste Turnier, das die Seleção jemals gespielt hat: Alle Spiele wurden gewonnen, dabei fielen 19 Tore in sechs Partien. Pelé streifte sich am 18. Juli 1971 gegen Jugoslawien (2:2) letztmals das gelbe Nationaltrikot über und wurde von 180.000 Zuschauern im Maracanã-Stadion enthusiastisch verabschiedet.

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24 Jahre ohne Titel

Bei den nächsten fünf Weltmeisterschaften sollte Brasilien jedes Mal leer ausgehen, obwohl die Seleção eigentlich immer zu den Turnierfavoriten zählte. 1974 bei der WM in Deutschland hatte man nach holprigem Start noch die Möglichkeit, ins Endspiel zu gelangen. Doch gegen die bärenstarken Holländer verlor man mit 0:2. Am Ende stand ein vierter Platz zu Buche.

1978 fand die WM beim Erzrivalen Argentinien statt. Erneut spielten die Brasilianer keine gute Vorrunde (ein Sieg, zwei Unentschieden). Das Geschehen in der Finalrunde ist bis heute umstritten. Im letzten Gruppenspiel benötigte Gastgeber Argentinien einen Sieg gegen Peru mit vier Toren Differenz. Am Ende stand es 6:0, und seitdem gibt es viele Stimmen, die von Manipulation sprechen. Es hält sich der Verdacht, die argentinische Militärjunta habe den hohen Sieg mit Getreidelieferungen an den peruanischen Staat erkauft. Brasilien wurde am Ende Dritter und war das einzige Team ohne Niederlage im Turnier.

Bei der WM 1982 in Spanien war die Seleção mit Spielern wie Zico, Falcão, Toninho Cerezo, Éder Aleixo und Sócrates der große Turnierfavorit. In der Vorrunde wurden auch alle drei Spiele bei 10:2 Toren gewonnen. In der zweiten Finalrunde hießen die Gegner dann Argentinien und Italien. Nach einem 3:1-Sieg gegen die Argentinier kam es zum Endspiel um den Halbfinaleinzug gegen Italien. Das Spiel wurde knapp mit 2:3 verloren und bedeutete das frühzeitige Aus für Brasilien.

Bei den beiden nächsten Weltmeisterschaften scheiterte die Seleção bereits im Viertelfinale (1986 gegen Frankreich) und im Achtelfinale (1990 gegen Argentinien).

Titel vier und fünf

1994 bei der WM in den USA hatten die Brasilianer endlich wieder Grund zum Jubeln. Mit Romário und Bebeto im Angriff gewann man den vierten WM-Titel. Im Finale gegen Italien gab es dabei zum ersten Mal ein Elfmeterschießen. Vier Jahre später schaffte es die Seleção trotz eher durchwachsener Leistungen wieder bis ins Finale, wo man aber deutlich mit 0:3 gegen Frankreich verlor.

Die WM 2002 in Japan und Südkorea war geprägt von einem regelrechten »Favoritensterben«. So war es am Ende nicht verwunderlich, dass sich Brasilien den fünften WM-Titel sichern konnte. Im Finale gab es ein 2:0 gegen Deutschland. Es war das erste Spiel der beiden Nationen bei einer Fußball-Weltmeisterschaft.

Seleção Brasilien Fußball Nationalmannschaft Erfolge
Die größten Erfolge der Seleção im Überblick ( Infografik )

Die neue Generation

Nach den enttäuschenden Auftritten bei den Weltmeisterschaften 2006 in Deutschland (0:1 im Viertelfinale gegen Frankreich) und 2010 in Südafrika (1:2 gegen die Niederlande, ebenfalls im Viertelfinale) lag das Augenmerk auf der Heim-WM 2014. Unter anderem sollte das Olympische Fußballturnier 2012 in London als Vorbereitung dienen. Doch anstatt der erhofften Goldmedaille verlor Brasilien das Endspiel gegen Mexiko mit 1:2.

Im Confederations Cup 2013 im eigenen Land bekam die Mission WM-Titel Nummer sechs neue Hoffnung. Im Endspiel besiegte die Seleção Welt- und Europameister Spanien. Im Verlauf des Turniers gab es zudem Siege gegen Italien, Japan, Mexiko und Uruguay.

Die Blamage gegen Deutschland

Bei der WM 2014 im eigenen Land gehörte Brasilien selbstverständlich zum Favoritenkreis. In der Vorrunde gab es wenig überzeugende Siege gegen Kroatien und Kamerun, gegen Mexiko spielte die Seleção nur 0:0. Im Achtelfinale ging es dann gegen die starken Chilenen, die zuvor Weltmeister Spanien ausgeschaltet hatten. Mit Glück und viel Kampf gewann Brasilien nach Elfmeterschießen. Im Viertelfinale zitterte man sich zu einem 2:1 gegen Kolumbien, verlor aber Superstar Neymar nach einem brutalen Foul für den Rest des Turniers.

Am 8. Juli 2014 traf die Seleção in Belo Horizonte auf Deutschland. Diesen Tag wird man im fußballbegeisterten Brasilien wohl nie wieder vergessen. Bereits zur Halbzeit stand es 0:5, nach 90 Minuten 1:7. Brasilien wurde im eigenen Land gedemütigt und versank in landesweiter Trauer. Auch eine kleine Wiedergutmachung im Spiel um Platz drei gegen die Niederlande misslang vollkommen. Brasilien verlor mit 0:3 und beendete das WM-Turnier auf einem enttäuschenden vierten Platz.

Historisches Scheitern bei der Copa

Sowohl die Copa América 2015 in Chile als auch die Copa América Centenario 2016 in den USA – das Jubiläumsturnier anlässlich des 100-jährigen Bestehens des südamerikanischen Fußballverbandes CONMEBOL – endeten für Brasilien im Debakel. 2015 verlor man im Viertelfinale im Elfmeterschießen gegen Paraguay. Ein Jahr später war bereits in der Vorrunde Schluss, und das in einer Gruppe mit Ecuador, Peru und Haiti.

Als Trost für die brasilianische Fußballseele gewann die Olympia-Mannschaft bei den Olympischen Spielen 2016 in Rio die Goldmedaille.

Erneute Enttäuschung bei der WM in Russland

Nachdem mit der Goldmedaille bei Olympia in Rio die Zuversicht in Brasilien wieder etwas gestiegen war, enttäuschte die brasilianische Fußball-Nationalmannschaft bei der Weltmeisterschaft 2018 in Russland erneut und schied im Viertelfinale durch eine 1:2-Niederlage gegen Belgien wieder sehr früh aus.

Erster Titel seit 2007

Bei der Copa América 2019 im eigenen Land konnte Brasilien mal wieder einen wichtigen Titel feiern. Nach Siegen gegen Bolivien (3:0) und Peru (5:0) sowie einem 0:0 gegen Venezuela musste man im Viertelfinale gegen Paraguay ordentlich zittern. Am Ende setzten sich die Brasilianer mit 4:3 im Elfmeterschießen durch.

Im Halbfinale ging es dann in Belo Horizonte gegen den Erzrivalen aus Argentinien. Durch Tore von Gabriel Jesus und Roberto Firmino gelang Brasilien der erste Finaleinzug seit 2007. Gegner im Endspiel war das Überraschungsteam aus Peru, das im Halbfinale mit 3:0 gegen Chile gewonnen hatte. Vor 69.968 Zuschauern im Estádio do Maracanã in Rio de Janeiro gelang Brasilien ein 3:1-Sieg und der erste Titelgewinn bei der Copa América seit zwölf Jahren.

Auch die Copa 2021 wurde in Brasilien ausgetragen. Mit Siegen gegen Venezuela (3:0), Peru (4:0) und Kolumbien (2:1) sowie einem Unentschieden gegen Ecuador (1:1) erreichte die Seleção souverän die K.-o.-Phase. Durch zwei knappe 1:0-Siege im Viertel- und Halbfinale gegen Chile und Peru stand Titelverteidiger Brasilien erneut im Finale. Im Maracanã wartete Erzrivale Argentinien. Nur 7.800 Zuschauer waren wegen der Corona-Pandemie zugelassen und sahen einen knappen 1:0-Erfolg der Argentinier.

WM 2022 in Katar: Der Favorit scheitert erneut

Bei der Winter-WM im Wüstenstaat Katar (20. November bis 18. Dezember 2022) ging Brasilien mal wieder als einer der Topfavoriten ins Turnier. In der Vorrunde gelang der Seleção zunächst ein souveräner 2:0-Sieg gegen Serbien – beide Tore erzielte Richarlison. Im zweiten Gruppenspiel siegten die Brasilianer durch ein Tor von Casemiro (83.) mit 1:0 gegen die Schweiz und qualifizierten sich damit vorzeitig fürs Achtelfinale.

Zum Abschluss der Vorrunde leistete sich die bereits qualifizierte Seleção gegen Kamerun eine überraschende 0:1-Niederlage – die erste gegen ein afrikanisches Team bei einer WM überhaupt. Da Trainer Tite kräftig durchwechselte, blieb der Ausrutscher zunächst folgenlos. Im Achtelfinale zerlegte Brasilien dann Südkorea förmlich. Beim 4:1 tanzte die ganze Mannschaft nach den Toren ausgelassen über den Rasen – ein Bild, das um die Welt ging und an die besten Seleção-Zeiten erinnerte.

Doch im Viertelfinale folgte das nächste Drama. Gegen das clevere und kampfstarke Kroatien stand es nach 90 Minuten 0:0. In der Verlängerung erlöste Neymar sein Land mit einem feinen Solo (105.) und zog dabei mit dem großen Pelé als Rekordtorschütze gleich. Doch Bruno Petković glich kurz vor Schluss aus (117.) – es war Kroatiens einziger Torschuss des ganzen Spiels. Im Elfmeterschießen wurde Torhüter Dominik Livaković zum Helden, Rodrygo und Marquinhos vergaben. Bitter: Der eingeplante Neymar, der den entscheidenden fünften Elfer hätte schießen sollen, kam gar nicht mehr an die Reihe.

Erneut war für Brasilien im Viertelfinale Schluss, erneut gegen einen europäischen Gegner. Trainer Tite, der die Mannschaft seit 2016 betreut hatte, trat unmittelbar nach dem Aus zurück. Der Traum vom »Hexa«, dem sechsten Titel, war wieder einmal geplatzt.

Trainer-Chaos und die Copa-Pleite 2024

Nach Tites Abgang begann eine Phase der Unruhe, wie sie die Seleção selten erlebt hat. Innerhalb von zwei Jahren probierte der Verband CBF gleich mehrere Lösungen aus. Auf Interimstrainer Ramon Menezes folgte zunächst Fernando Diniz, der den Posten sogar parallel zu seinem Klubjob ausübte – ein höchst ungewöhnliches Modell. Sportlich lief es unter Diniz mau: In der WM-Qualifikation setzte es unter anderem eine historische 0:1-Heimniederlage gegen Erzrivale Argentinien.

Anfang 2024 übernahm dann Dorival Júnior. Mit ihm reiste Brasilien als Mitfavorit zur Copa América 2024 in die USA – und enttäuschte wieder. Nach mäßiger Vorrunde war im Viertelfinale gegen den alten Rivalen Uruguay Schluss. Nach einem zähen 0:0 verlor die Seleção mit 2:4 im Elfmeterschießen, ausgerechnet ohne den gesperrten Vinícius Júnior. Der Traum vom zehnten Copa-Titel war geplatzt, der Druck auf den brasilianischen Fußball wuchs weiter.

Die Ära Ancelotti beginnt

Im Mai 2025 wagte der Verband schließlich einen radikalen Schritt und brach mit einer jahrzehntealten Tradition: Mit Carlo Ancelotti übernahm zum ersten Mal ein ausländischer Cheftrainer dauerhaft das Kommando bei der Seleção. Der Italiener gilt als einer der erfolgreichsten Klubtrainer aller Zeiten – fünf Champions-League-Titel sowie Meisterschaften in Italien, England, Frankreich, Deutschland und Spanien stehen in seiner Vita. Eine Nationalmannschaft hatte »Carletto« zuvor allerdings noch nie als Chef betreut.

Der Start geriet symbolträchtig. Sein erster Sieg – ein 1:0 gegen Paraguay – fiel ausgerechnet auf seinen 66. Geburtstag und sicherte zugleich vorzeitig das Ticket für die WM 2026. Den Siegtreffer erzielte Vinícius Júnior, den Ancelotti schon von Real Madrid bestens kennt. Insgesamt blieb die Qualifikation für brasilianische Verhältnisse aber zäh: Mit nur Platz fünf in der Südamerika-Gruppe und sechs Niederlagen in 18 Spielen war die einstige Selbstverständlichkeit, mit der Brasilien solche Turniere dominierte, längst verflogen.

Trotzdem setzt der Verband klar auf Kontinuität: Noch vor dem Turnier verlängerte Ancelotti seinen Vertrag vorzeitig bis 2030 – er soll die Seleção also auch zur übernächsten WM in Marokko, Portugal und Spanien führen.

Brasilien bei der WM 2026

Bei der ersten »XXL-WM« mit 48 Mannschaften (13. Juni bis 19. Juli 2026 in den USA, Kanada und Mexiko) geht Brasilien trotz der durchwachsenen Quali wieder im engsten Favoritenkreis an den Start. In Gruppe C trifft die Seleção auf Afrikameister Marokko, Außenseiter Haiti und Schottland – alle drei Spiele finden in den USA statt.

Für das größte Gesprächsthema sorgte vor dem Turnier ein altbekannter Name: Neymar. Nach einem Kreuzbandriss im Oktober 2023 hatte der inzwischen 34-Jährige fast zweieinhalb Jahre kein Länderspiel mehr bestritten und war zwischenzeitlich zu seinem Heimatklub FC Santos zurückgekehrt. Lange war offen, ob er rechtzeitig fit wird – Ancelotti ließ ihn bei den letzten Testspielen sogar außen vor. Bei der Kaderbekanntgabe am 18. Mai 2026 nominierte er ihn dann doch. Als Neymars Name fiel, brandete im Saal lauter Jubel auf. Es dürfte seine wohl letzte Chance auf den großen WM-Titel sein.

Wann spielt Brasilien? Die Partien der Gruppenphase im Überblick:

  • 14. Juni 2026 (00:00 Uhr MESZ): Brasilien – Marokko (East Rutherford) – 1:1
  • 20. Juni 2026 (03:00 Uhr MESZ): Brasilien – Haiti (Philadelphia)
  • 25. Juni 2026 (00:00 Uhr MESZ): Schottland – Brasilien (Miami Gardens)
Brasilien Trikot WM 2026
Das offizielle Trikot der brasilianischen Nationalmannschaft bei der WM 2026 ( Foto: Nike, Inc. )

Brasiliens WM-Kader 2026

Tor: Alisson (FC Liverpool), Ederson (Fenerbahçe Istanbul), Wéverton (Grêmio Porto Alegre)

Abwehr: Alex Sandro (Flamengo), Bremer (Juventus Turin), Danilo (Flamengo), Douglas Santos (Zenit St. Petersburg), Gabriel Magalhães (FC Arsenal), Ibañez (Al-Ahli), Léo Pereira (Flamengo), Marquinhos (Paris Saint-Germain), Wesley (AS Rom)

Mittelfeld: Bruno Guimarães (Newcastle United), Casemiro (Manchester United), Danilo (Botafogo), Fabinho (Al-Ittihad), Lucas Paquetá (Flamengo)

Angriff: Endrick (Olympique Lyon), Gabriel Martinelli (FC Arsenal), Igor Thiago (FC Brentford), Luiz Henrique (Zenit St. Petersburg), Matheus Cunha (Manchester United), Neymar (FC Santos), Raphinha (FC Barcelona), Rayan (AFC Bournemouth), Vinícius Júnior (Real Madrid)

Die Rekorde der Seleção

Kaum eine Nationalmannschaft hat so viele Bestmarken angesammelt wie Brasilien. Hier die wichtigsten Rekorde im Überblick.

Titel: Mit fünf WM-Titeln (1958, 1962, 1970, 1994, 2002) ist Brasilien Rekordweltmeister. Hinzu kommen neun Triumphe bei der Copa América (zuletzt 2019) und vier Siege beim Konföderationen-Pokal (1997, 2005, 2009, 2013) – auch das ist ein Rekord. Als einzige Nation der Welt war Brasilien zudem bei allen bisherigen WM-Endrunden seit 1930 dabei.

Rekordnationalspieler: Die meisten Länderspiele für die Seleção bestritt Cafu, der Weltmeisterkapitän von 2002. Der Rechtsverteidiger lief 142-mal im gelben Trikot auf und stand 1994, 1998 und 2002 in drei WM-Finals. Auf den weiteren Plätzen folgen Neymar und Dani Alves.

Rekordtorschütze: Lange Zeit hielt Pelé mit 77 Treffern den Rekord. Im September 2023 zog Neymar an der Ikone vorbei und steht inzwischen bei 79 Toren – mehr hat kein Brasilianer je erzielt. Auf Rang drei rangiert »der echte« Ronaldo mit 62 Treffern.

Höchster Sieg: Den klarsten Erfolg feierte Brasilien am 10. April 1949, als Bolivien bei der Copa América mit 10:1 abgefertigt wurde. Fast ebenso deutlich fiel 1957 ein 9:0 gegen Kolumbien aus.

Höchste Niederlage: Die bitterste Klatsche der frühen Jahre war ein 0:6 gegen Uruguay im Jahr 1920. Bekannter, weil schmerzhafter, ist die 1:7-Pleite gegen Deutschland im WM-Halbfinale 2014 – das wohl meistdiskutierte Ergebnis der brasilianischen Fußballgeschichte.

Weltrangliste: Seit Einführung der FIFA-Weltrangliste 1993 stand Brasilien häufiger auf Platz 1 als jede andere Nation. Zuletzt ging es allerdings bergab: Im Frühjahr 2026 rangierte die Seleção »nur« auf Rang sechs.